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Evidenzbasierte Medizin Glossar A-Z
Absolute Risikoreduktion (ARR)Effektmaß für dichotome Endpunkte*; beschreibt die absolute Differenz der Rate an ungünstigen Ereignissen in der experimentellen Gruppe (E) im Vergleich zur Kontrollgruppe (K), wenn die experimentelle Behandlung wirksam ist (ARR = K – E). Der Kehrwert der ARR ergibt die Number Needed to Treat* (1/ARR = NNT).
Absolute Risikozunahme (ARI, absolute risk increase)
Beschreibt die absolute Differenz der Rate an ungünstigen Ereignissen in der experimentellen Gruppe (E) im Vergleich zur Kontrollgruppe (K), wenn die experimentelle Behandlung schlechter ist (ARI = |K - E| ). Der Kehrwert der ARI ergibt die Number Needed to Harm (1/ARI = NNH).
Ausschlusskriterien
Bei klinischen und epidemiologischen Studien wird die Studienpopulation über explizite Ausschluss- und Einschlusskriterien* definiert. Ausschlusskriterien beschreiben negativ formulierte Eigenschaften, die potentielle Kandidaten von einer Studienteilnahme ausschließen. Sie leiten sich zum großen Teil aus der klinischen oder epidemiologischen Studienfragestellung ab (z.B. Ausschluss von besonderen Risikopatienten), zum Teil auch aus ethischen und rechtlichen Vorgaben. Letztere kommen vor allem bei Interventionsstudien zum Tragen.
Behandlungsgruppe (Interventionsgruppe, Verumgruppe)
Der Anteil an der Studienpopulation in einer kontrollierten Interventionsstudie, der die zu untersuchende Behandlung/Intervention erhält; die Resultate der Behandlungsgruppe werden mit denen der Kontrollgruppe* verglichen, um Aussagen über Größe und Richtung von Interventionserfolgen zu erhalten. S. auch Kontrollgruppe*; Interventionsgruppe* Experimental Event Rate; * Randomisierung; randomisierte kontrollierte Studie.
Beobachtervariabilität (observer variability)
Schwankungen von Mess- oder Untersuchungsergebnissen, die mit der Person des Beobachters in Zusammenhang stehen. Sie ist umso größer, je geringer die Reliabilität des verwendeten Messinstruments ist (z.B. Auskultation von Herztönen); Befunderhebung und/oder -interpretation sind ggfs. beeinflussbar durch die subjektive Wahrnehmung, Erfahrung und Ausbildung, evtl. auch durch Wunschdenken des Untersuchers. Es werden unterschieden: 1. Die Intraobserver-Variabilität bezeichnet die Schwankungen der Ergebnisse, wenn eine Person den gleichen (unveränderten) Untersuchungsgegenstand mehrfach untersucht. 2. Die Interobserver-Variabilität bezeichnet die Schwankungen der Ergebnisse, wenn mehrere Personen denselben Untersuchungsgegenstand untersuchen.
Beobachtungsgleichheit (consistency of observation)
Anforderung an die Durchführung von kontrollierten Studien, alle Studienteilnehmer gleichartig zu beobachten, um Ergebnis-verzerrungen durch unterschiedliche Beobachtungsmodalitäten zu verhindern. S. auch Bias*.
Bias (systematischer Fehler)
Tendenz der Studienergebnisse, systematisch von den „wahren“ Ergebnissen abzuweichen. Bias führt entweder zu einer Über- oder Unterschätzung der wahren Wirkung einer Maßnahme oder Exposition. Die Ursachen dafür liegen vor allem im Design und der Durchführung der Studie und führen zu systematischen Unterschieden zwischen den Vergleichsgruppen, z.B. bei der Auswahl der Teilnehmer (Selektionsbias), der Erhebung der Endpunkte (measurement bias oder Messungsbias) oder dem Verlust von Teilnehmern in der Studie (attrition bias oder Verschleiß-Bias). Ergebnisse aus Studien mit geringem Risiko für Bias werden als valide angesehen.
Carry-over-Effekt
Störender Effekt in Interventionsstudien* mit Cross-Over-Design*, wenn die Behandlung der 1. Phase über das Ende dieser Phase hinaus und in die zweite Phase hinein wirkt. So kann das Ergebnis der Behandlung in der 2. Phase beeinflusst und der Vergleich verzerrt werden. Zur Vermeidung dieses Effekts kann vor die 2. Studienphase eine so genannte Wash-out-Phase gesetzt werden, in der die Wirkungen vorangegangener Therapien abklingen.
Confounding
Confounding liegt vor, wenn ein Faktor (Confounder), der nicht direkt Gegenstand der Untersuchung ist, sowohl mit der Intervention/Exposition als auch mit der Zielgröße assoziiert ist und dadurch bei Aussagen über die Beziehung zwischen Intervention/Exposition und Zielgröße „Verwirrung“ stiftet. Häufige Confounder sind z.B. Alter, Geschlecht oder Nikotingenuss. Confounding lässt sich durch ein entsprechendes Studiendesign (z.B. Randomisierung oder Matching) oder durch die Anwendung bestimmter statistischer Verfahren bei der Analyse (Stratifizierung, multivariate Analyse) kontrollieren.
control event rate (CER; Ereignisrate in der Kontrollgruppe)
Anteil der Teilnehmer in der Kontrollgruppe, die in einem definierten Zeitraum ein Ereignis oder einen Endpunkt erleiden. Die Ereignisrate in der Kontrollgruppe wird zur Berechnung der absoluten Risikoreduktion* und relativen Risikoreduktion* benötigt.
Critical Appraisal
In der evidenzbasierten Medizin* kritische Bewertung von wissenschaftlichen Studien mit dem Ziel, zu entscheiden, ob diese geeignet sind, zur Lösung eines spezifizierten Problems aus der medizinischen Versorgung (z.B. beste Behandlungsform für den eigenen Patienten) beizutragen; geprüft werden: 1. Validität*; 2. klinische Relevanz; 3. Übertragbarkeit auf den gegebenen Entscheidungskontext. S. auch Bias*.
Critically Appraised Topic (CAT)
In der evidenzbasierten Medizin* (EbM) ein nach EbM-Methodik gelöstes Problem, das die als präzise formulierte Fragestellung, eine kurze Beschreibung der Informationsrecherche, die strukturierte Kurzfassung einer geeigneten, kritisch bewerteten Studie und die aus den Ergebnissen abgeleitete klinische Schlussfolgerung enthält; unter didaktischen Gesichtspunkten eignet sich die Erstellung von CATs zum Erlernen und Vertiefen der EbM-Methoden. Im Internet stehen freie Programme, so genannte CAT-Maker, zur Verfügung. Wenn eine CAT-Sammlung als Informationsquelle weiter verwendet werden soll, sind 3 Probleme zu bedenken: 1. CATs können fehlerhaft sein, ein Peer Review ist daher unverzichtbar. 2. CATs geben meist nur eine einzige Quelle zum klinischen Problem wieder und sind fast nie repräsentativ für die gesamte, zum Thema publizierte Literatur. 3. je nach Thema veralten CATs schnell.
Cross-over-Design
In Cross-over-Studien wird die Wirksamkeit zweier Behandlungsformen verglichen, indem diese zeitlich versetzt den gleichen Probanden verabreicht werden. Die typische Cross-over-Studie hat mindestens zwei Studienphasen. In der ersten Studienphase erhalten die Probanden des ersten Studienarmes zunächst Therapie A, die Probanden des zweiten Studienarmes Therapie B. Nach einer definierten Behandlungsdauer wird zur 2. Studienphase gewechselt: Studienarm eins erhält nun Therapie B und Studienarm zwei Therapie A. Die Wirksamkeit der Therapien kann am Ende der Studie sowohl im Intra- als auch im Intergruppenvergleich bestimmt werden.
Diskrete Variablen
Diskrete Variablen weisen im Gegensatz zu kontinuierlichen Variablen nur eine begrenzte Zahl eindeutig voneinander abgrenzbarer Zuständen auf (z.B. Augenfarbe: blau, grau, braun, grün). Eine Sonderform sind dichotome Variablen, die lediglich zwei Alternativen aufweisen, z.B. Raucher/Nichtraucher, lebend oder tot, Test-positiv oder Test-negativ.
Entscheidungsbaum (decision tree)
Darstellung von Entscheidungsregeln, welche die logische Abhängigkeit von hierarchisch angeordneten Ereignissen in Form eines Baumdiagramms veranschaulicht. Die Wahlknoten an den Astverzweigungen sind mit einer bestimmten (angenommenen oder bekannten) Wahrscheinlichkeit für den Nutzen der Intervention versehen. Von diesen gehen weitere Äste mit neuen Ergebnissen und entsprechenden Wahrscheinlichkeiten ab. Die Wahrscheinlichkeit des Nutzens einer Maßnahme kann so abgeleitet werden, die Validität der Aussage ist aber natürlich abhängig von der Güte der eingesetzten Informationen. Entscheidungsbäume sind Entscheidungshilfe zur Visualisierung komplexer Abhängigkeitsstrukturen, Identifizierung aller Entscheidungsmöglichkeiten und deren Ergebnisse sowie Lösung von Wahrscheinlichkeitsaufgaben.
Effektmaß
Maßzahl, um die Stärke eines Effekts zu quantifizieren. Gebräuchliche Effektmaße für dichotome* Endpunkte sind das relative Risiko* (RR) oder die Odds Ratio* (OR), gebräuchliche Effektmaße für kontinuierliche* Endpunkte sind in Einzelstudien die standardisierte mittlere Differenz (SMD) und in Meta-Analysen die gewichtete mittlere Differenz (weighted mean difference, WMD).
Effectiveness (Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen)
Beschreibt die Wirksamkeit einer Maßnahme unter Routinebedingungen. Im Gegensatz zur Efficacy („Wirksamkeit unter Idealbedingungen“) untersuchen Effectiveness-Studien die Frage: Wirkt die Maßnahme unter den Bedingungen der Routineversorgung?
Efficacy (Wirksamkeit unter Idealbedingungen)
Beschreibt die Wirksamkeit einer Maßnahme unter Idealbedingungen. Efficacy-Studien zeichnen sich durch hohe innere Validität aus, die Ergebnisse sind jedoch möglicherweise nur bedingt auf die Routineversorgung übertragbar.
Einschlusskriterien
Bei klinischen und epidemiologischen Studien wird die Studienpopulation über explizite Einschluss- und Ausschlusskriterien* definiert. Einschlusskriterien beschreiben positiv formulierte Eigenschaften, die die potentiellen Studienteilnehmer erfüllen müssen. Sie leiten sich einerseits ab aus der klinischen oder epidemiologischen Studienfragestellung, andererseits aus rechtlichen und ethischen Vorgaben. Typische Einschlusskriterien sind das Vorliegen einer bestimmten Erkrankung, gegebenenfalls spezifiziert nach Schweregrad, bisherigem Verlauf und Vorbehandlungen; Zugehörigkeit zu einer definierten Altersgruppe; … Bei der Rekrutierung von Studienteilnehmern wird zunächst die Erfüllung der Einschlusskriterien festgestellt, in einem zweiten Schritt wird überprüft, ob Ausschlusskriterien* die Studienteilnahme verbieten.
Evidenz (evidence)
Der Begriff „Evidenz“ im Kontext der Evidenzbasierten Medizin leitet sich vom englischen Wort „evidence“ = Nach-, Beweis ab und bezieht sich auf die Informationen aus klinischen Studien, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen.
Evidenz-basierte Medizin (Evidence-Based Medicine, EbM)
Unter Evidenz-basierter Medizin (EbM) oder evidenzbasierter Praxis im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch-epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten. Ein verwandter Begriff ist die evidenzbasierte Gesundheitsversorgung („Evidence-Based Health Care“), bei der die Prinzipien der EbM auf alle Gesundheitsberufe und alle Bereiche der Gesundheitsversorgung, einschließlich Entscheidungen zur Steuerung des Gesundheitssystems, angewandt werden.
experimental event rate (EER; Ereignisrate in der experimentellen Gruppe)
Anteil der Teilnehmer in der experimentellen Gruppe einer klinischen Studie, die in einem definierten Zeitraum ein Ereignis oder einen Endpunkt erleiden. Die Ereignisrate (Risiko*) in der experimentellen Gruppe wird zur Berechnung der absoluten Risikoreduktion* und relativen Risikoreduktion* benötigt.
Externe Validität (Übertragbarkeit, Anwendbarkeit)
Beschreibt die Übertragbarkeit von Studienergebnissen auf die Patienten in der Routineversorgung, d.h. auf Patienten, die nicht an der Studie teilgenommen haben (s.a. Validität*).
© mit freundlicher Unterstützung des Bundesministerium für Gesundheit